Worin bestand bzw. besteht auch heute noch
nun die gängige Praxis des Vereinslebens von Fussballmannschaften,
gegen die dieses Konzept steht? In der Regel hat ein Fussballverein einen
Vorstand, dessen erklärtes Ziel und dessen Aufgabe es ist, die
erste Mannschaft so erfolgreich wie möglich in einer möglichst
hohen Spielklasse spielen zu sehen. Weitere Mannschaften werden, sofern
genügend Spieler zur Verfügung stehen, als Reserve der ersten
Mannschaft betrachtet, die auch möglichst hochklassig und möglichst
erfolgreich spielen sollen. Die Spieler selbst werden dazu weitgehend nur
als Mittel zum Zweck, als Verfügungsmasse betrachtet, die nach dem
Belieben der Trainer und Verantwortlichen des Vereins in Mannschaften eingeteilt
und aufgestellt werden und an einem Training teilnehmen müssen,
über deren Ausgestaltung sie nicht mitentscheiden können. Dabei
ist das Teilnahme am Training, in dem nur selten kurz Fussball gespielt
wird, ebenso wie die Bereitschaft dem Verein uneingeschränkt zur Verfügung
zu stehen (zu Spielen und sonstigen Dienstleitungen, was aber meist nur
für die Reservespieler zutrifft), meist die Voraussetzung dafür,
dass man in Pflicht- und Freundschaftsspielen überhaupt mitspielen
darf. d.h. die Interessen der Spieler werden bei dem ganzen nicht bzw.
nur insoweit berückrichtigt, wie es den Zielen des Vereins bzw. den
Zielen dessen Vorsitzenden dienlich ist. So kann es sogar passieren, dass
ein Spieler, selbst wenn er allen formalen Anforderungen gerecht wird,
dennoch überhaupt nicht zum Fussball spielen kommt, weil sein Trainer
ihn für die Pflichtspiele nicht einsetzt und im Training kein Fussball
gespielt wird. Der Spieler wird also in einem so geführten Verein,
wie in einem entsprechend geführten Unternehmen verdinglicht, das
heisst er wird nicht als Zweck an sich sondern nur als Mittel zum Zweck
verstanden und behandelt, laut Kant ein moralisch verwerfliches Verhalten.
Nun ist glücklicherweise ja niemand
gezwungen in einen Fussballverein einzutreten. Will aber jemand Fussball
spielen, muss er, wenn es keine andere Möglichkeit dazu gibt, dies
in einem Fussballverein unter der beschriebenen Bedingungen tun.
Das Unbehagen an dieser Vereinspraxis hat sicher auch zur Gründung
der vielen freien Ligen geführt, die seit den siebziger Jahren vor
allem in Universitätsstädten entstanden sind und wo einiger unserer
Spieler zeitweise auch mit gespielt haben (Freiburg, "Barfuss Jerusalem"
München).
Diesem Konzept wollten wir eine Organisationsform entgegen stellen, in der die basisdemokratisch organisierte Mannschaft und nicht der Verein, in der der Spass am Fussball spielen und nicht der Erfolg im Mittelpunkt steht. Dazu werden alle Funktionen, die in einer Fussballmannschaft wahrgenommen werden, möglichst gleichmässig von allen Spielern der Mannschaft wahrgenommen und alle Entscheidungen möglichst demokratisch gefällt. Dies führte dazu, dass im Training nur Fussball gespielt wird und nur wenn alle oder doch zumindest die überwiegende Mehrheit dafür ist, auch andere Trainingseinheiten (was bisher kaum vorkam) durchgeführt werden und dazu, dass niemand gezwungen ist, am Training oder an den Pflichtspielen teilzunehmen. Jeder kann trainieren und spielen, wann er will, ohne dass sich daraus negative Konsequenzen für ihn ergeben. Die Aufstellung der Mannschaft wird von einem von der Mannschaft dafür autorisierten Spieler organisiert. Dies ergibt sich zwangsläufig daraus, dass man sonst keine Mannschaft zu den jeweiligen Pfichtspielen zur Verfügung hätte, d.h. es muss sich jemand darum kümmern, dass zu den Pflichtspielen genügend Spieler verfügbar sind und ein von der Mannschaft autorisierter Spieler muss zumindest auch einen Vorschlag machen, wer in der Anfangsformation auf welcher Position spielt und wer als Auswechselspieler eingesetzt wird und mit welcher Taktik gespielt wird, sonst würde die Zeit vor dem Spiel idR. nicht ausreichen um eine Entscheidung darüber zu treffen. Jeder Spieler hat aber die Möglichkeit den Vorschlag zu kritisieren und einen alternativen Vorschlag zu machen. Ferner möchte man auch die Spieler der gegnerischen Mannschaften nicht als Gegner sondern als Mitspieler respektieren, mit denen man sich fair und mit ernsthafter Rücksicht auf die gegenseitige Gesundheit messen möchte. Vor diesem Hintergrund muss man auch sehen, dass die Mannschaft mehrmals den Fairnesspreis gewonnen hat und bislang keine schweren Verletzungen an Gegenspielern verursacht wurden.
Auch diese Organisationsform, wenn auch für uns die beste aller möglichen, ist nicht ohne Härten und Schwierigkeiten.
Als grösstes Problem, das allerdings schon von Anfang an existierte, hat sich die Entscheidung über die Aufstellung der Mannschaft bei den Spielen erwiesen. Hier wollen verständlicherweise möglichst immer alle teilnehmenden Spieler möglichst das ganze Spiel durchspielen. Andererseits benötigt man aber auch Auswechselspieler. Keiner möchte gerne als Auswechselspieler eingesetzt werden bzw. ausgewechselt werden. Die Entscheidung darüber wird bei anderen Mannschaften ausschliesslich durch den Trainer über die Leistung der Spieler entschieden, wie sie vom Trainer eingeschätzt wird. In unserer Mannschaft ist es immer ein schwieriger Kompromiss zwischen Leistungsprinzip und Gleichbehandlungsprinzip, der nicht immer von allen, besonders nicht von den Betroffenen, mitgetragen wird. Das führt gelegentlich zu unterschwelligen oder auch offen ausgetragenen Unstimmigkeiten. Ebenfalls problematisch, wenn auch weniger, ist in diesem Zusammenhang die Entscheidung, wer auf welcher Position spielen soll. Hier findet sich doch jeder mehr oder weniger in sein Schicksal, weil er und die anderen meist doch zu einem gemeinsamen Konsens kommen können, auf welcher Position jeder in einer gegebenen Formation am besten aufgehoben ist.
Ein anderes Problem besteht darin, zu allen Spieltagen eine vollständige Mannschaft auf den Platz zu bekommen. Trotz des grossen Kaders ist es an manchen Spieltagen kaum möglich 11 Mann zusammenzutrommeln, weil viele einfach noch andrere Interessen und Verpflichtungen haben und es zum Glück keine entsprechende Verpflichtung von seiten der Mannschaft gibt, dass man zu den Spieltagen gefälligst verfügbar zu sein hat. An dieser Stelle sei den vielen Organisatoren gedankt, die über die Jahre hinweg versucht haben, dieses Problem zu entschärfen, vor allem Wolfgang Schenk, Erik Hänel, Andreas Lindner, Harald Springsguth und Andreas Widmann. die sich über Jahre hinweg dafür verdient gemacht haben.
Ein weiteres Problem ist das der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Der Anspruch erfolgreich und gut zu spielen war von Anfang an sehr ausgeprägt vorhanden. Die Einsicht darin, dass dazu aber bestimmte freiwillig erbrachte Vorbereitungs-Leistungen notwendig sind. aber nur sehr bedingt. Auch wenn man im "Training" nur Fussball spielt, hängt doch sehr viel davon ab, wie man dieses Spiel gestaltet und wie häufig man daran teilnimmt. Ferner könnten einige einfache Ergänzungen des Trainings, wie z.B. Torschusstraining oder zusätzliches privates Fitnesstraining sehr dabei helfen, die Bedingungen dafür, den grossen Anspruch einzulösen, erheblich unterstützen. Gleiches gilt für etwas ausgefeiltere taktische Absprachen, die man von einem "Studententeam" eigentlich als selbstverständlich annehmen können sollte, die aber fast nicht erfolgen. Dieser Mangel an taktischer Absprache wird zum Glück durch die geringe Fluktuation der Spieler, also die grosse Konstanz des Kaders,. teilweise kompensiert, die ein intuitives Spielverständnis unterstützt. Daraus resultiert auch eine Stärke der Mannschaft, die nicht - wie viele andere Mannschaften - gewisse Spielzüge ritualisiert herunter spielt, ohne deren Bezug zum Ziel zu berücksichtigen und zu verstehen, sondern weitgehend rein zielorientiert die einzelnen Aktionen und Spielzüge setzt. Dennoch ist nicht zu übersehen dass gleichzeitig die einzelnen Spieler eigene taktische Spielverständnisse haben, die teilweise nicht miteinander kompatibel sind. Die persönliche Spielauffasssung zugunsten der mannschaftlichen Geschlossenheit in Frage zu stellen ist leider bei vielen nur bedingt vorhanden und durch die fehlenden Absprachen werden Potentiale an Erfolg und Spass (Spielharmonie), die durch entsprechende Absprachen mit kleinem Aufwand möglich wären, wenn die zugehörige notwendige innere Einstellung dazu bei allen Spielern vorhanden wäre, leider nicht ausgeschöpft.
U.a. hat auch die grosse Konstanz des Kaders dazu geführt, dass das Durchschnittsalter des Teams kontinuierlich gestiegen ist (inzwischen fast 40), ohne dass das Leistungsniveau wesentlich darunter gelitten hätte. Obwohl viele damit kokettieren, dass die Mannschaft mit einem Durchschnittsalter, das weit über den gängigen Durchschnittsalter von AH-Mannschaften liegt, noch sehr gut in der Kreisliga B/C mithalten kann, muss man dies einerseits auch honorieren und andererseits fragen, was im Rest der Gesellschaft, in den anderen Vereinen von der Einstellung her für Vorgaben existieren, wenn sie dieser "forever young" Haltung nicht auch huldigen können.
In einer Organisationsform, in der die Basis (die einzelnen Spieler) die wesentlichen Vorgaben für das "Gemeinwesen" (die Mannschaft) gibt, ist klar, dass die Bewusstseinsform der einzelnen Spieler im wesentlichen die Stimmung und die Organisationsform der Mannschaft ausmachen, so wie es ja auch von Anfang an intendiert war. Da die Spieler nicht speziell hinsichtlich der sowieso nur implizit vorhandenen und nie explizit geäusserten Ideale der Gründerzeit ausgewählt wurden und keinen Eid auf diese Ideale leisten mussten und selbst in der Gründerzeit keine einhellige Meinung darüber herstellbar gewesen wäre, ist es nicht verwunderlich, dass sich alles nicht nur entlang der impliziten Ideale entwickeln konnte. Angesichts dieser Tatsache muss man noch überrascht sein, wie gut sich die Idee im Laufe der Jahre dennoch realisiert hat und beibehalten wurde. Ein Grund dafür ist sicherlich darin zu sehen, dass sich ohnehin nur Spieler der Mannschaft angeschlossen haben, die irgendwie den Geist schon erahnt haben und sich in der Organisationsform grundsätzlich wohler gefühlt haben als im klassischen Fussballverein.
Als Fazit lässt sich die Einsicht festhalten, dass auch in idealistisch geprägten sozialen Projekten, die Tatsache der beschränkten zu verteilenden Ressourcen bei den Beteiligten zu Frustrationen führt, wenn sie das Gefühl haben, dass die Verteilung der Ressourcen ungerecht, bzw. zu Ungunsten ihrer Interessen erfolgt. Die wesentlichen konkurrierenden Interessen sind dabei der gleichberechtigte Einsatz der Spieler bei Pflichtspielen und der sportliche Erfolg der Mannschaft.
Zur Beschreibung dieser Situation könnte man einen Auszug aus einem Gedicht von Erich Kästner zitieren, das sich in dem Sinne auf viele idealistische Projekte anwenden ließe, die Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit gepaart mit Erfolg und Spass im sozialen Raum anstreben: "Die grosse Freiheit ist es nicht geworden. Es hat beim besten Willen nicht gereicht. Aus Traum und Sehnsucht ist Verzicht geworden. ... Die kleine Freiheit - vielleicht." Für unser Experiment ist es sicher überzogen hart formuliert. Dennoch ist es weiterhin Ansporn, die weitgesteckten also nicht nur die sportlichen Ziele der Mannschaft auch weiterhin erfolgreich zu verfolgen.
Diese Darstellung der Philosophie und die Standortbestimmung ist - wie eingangs erwähnt - nicht nur implizit über die ganzen Jahre erhalten geblieben, sondern in dieser expliziten Form vor allem die Sicht des Verfassers. Mit der ein oder anderen Formulierung wird sicher der ein oder andere Spieler der aktuellen und der vorangegangenen Mannschaften nicht einverstanden sein. Viele werden diese explizite Darstellung für überflüssig und eventuell auch als peinlich ansehen. Dennoch kann sie als Anregung für die Zukunft vor allem für neue Spieler zusammen mit der "Historie" eine Hilfe sein, sich in die Mannschaft hinein zu finden und als Anregung die Zukunft der Mannschaft vor dem Hintergrundwissen um die Vergangenheit nach den eigenen Vorstellungen mitzugestalten.
Fabian Glasen